Was wäre, wenn die anderen es merken?
Was wäre, wenn die anderen es merken würden?
Diese Gedanken trägt er schon lange mit sich herum. Nicht sichtbar, aber immer da. Wie ein kleiner Begleiter, der sich ungefragt in seine Gedanken setzt. Was, wenn die Kinder merken, dass es ihm gerade nicht gut geht? Was, wenn jemand bei der Arbeit genauer hinschaut? Was, wenn jemand fragt: „Was ist denn mit dir los?“
Er möchte nicht, dass es jemand merkt. Funktioniert auch. Er macht weiter. Organisiert seine Arbeit. Plant voraus und überlegt, wie er es regeln könnte, wenn wieder eine dieser dunkleren Phasen kommt. Der Kopf arbeitet. Und arbeitet. Während der Körper längst etwas anderes erzählt. Die Anspannung ist bis in die Zehenspitzen zu spüren. Und dann kommt noch ein Gedanke dazu. Was, wenn es hier passiert? Ausgerechnet hier im Praxisraum.
Was, wenn er während der Sitzung eine Panikattacke bekommt? Was, wenn er die Kontrolle verliert? Was, wenn ich es merke? Nicht nur, dass etwas passieren könnte. Sondern dass jemand es sieht, dass seine Fassade einen kleinen Riss bekommt. Dass sichtbar wird, wie viel Kraft es kostet, jeden Tag so zu tun, als wäre alles in Ordnung.
Behutsam schmecke ich mich heran und suche sicherlich keine schnellen Lösungen. Wir lassen den Moment mit all seinen Gefühlen und Gedanken einfach sein. Auch als er bereits auf der Liege Platz genommen hat, kommt kein „Entspann dich“. Kein „Du brauchst keine Angst zu haben“. Sondern ich höre einfach zu und spüre hin und gebe Raum.
Und irgendwann passiert etwas. Ganz leise. Die Gesichtszüge werden weicher. Die Stirn glättet sich. Die Schultern dürfen ein kleines bisschen entspannen. Der Körper muss für einen Moment nicht versuchen, nur ja nicht locker zu lassen. Er muss auch nichts verbergen.
Es wirkt eher wie ein Fenster, das nach langer Zeit einen Spalt geöffnet wird. Wo frische Luft hereinströmt. So bekommen die positiven Gedanken während der Sitzung ein bisschen mehr Raum. Er findet Lösungen, statt ständig das „Problem“ vor sich herzutragen. Und am Ende kommt der Satz von ihm, der keine weitere Erklärung braucht. „Das hat jetzt gut getan.“ Es liegen Minuten hinter ihm, in denen nichts verborgen werden musste.
Was wäre, wenn die anderen es merken würden?
Vielleicht ist das eine Frage, die viele Menschen kennen. Wir wollen funktionieren. Für die Kinder. Für den Partner. Für die Kolleg_innen. Für alle, die wir brauchen. Nur manchmal merken wir dabei gar nicht, wie viel Energie dafür draufgeht, nicht merken zu lassen, dass es uns einfach nicht gut geht. Aber vielleicht gibt es Menschen auf unserer Seite, bei denen wir die Anspannung einmal nicht verstecken müssen. Bei denen wir echt sein können und auch kundtun: „Heute geht es gerade nicht so gut.“
Entspannung beginnt meist damit, dass wir für einen Moment aufhören, dagegen anzukämpfen, funktionieren zu müssen. Denn vielleicht ist ohne Maske gesehen sogar der Moment, in dem wir endlich nicht mehr alles alleine tragen müssen.