Wie macht sie das?
Wenn der Verstand nicht begreifen kann, wird doch unsere Seele berührt
Blicke aus den Augenwinkeln. Ein schnelles Wegsehen, sobald sich unsere Blicke treffen könnten. So viel Distanz wie möglich und das in einem kleinen Raum.
Ich sitze in der Praxis. Die Luft ist mit dem gefüllt, was nicht ausdrücklich gesagt werden kann. Ein Mädchen, das in die Schule gehen sollte, trägt scheinbar die Last der ganzen Welt auf ihren schmalen Schultern. Die Schule ist ein Ort, der für sie zur unbezwingbaren Festung wurde. Jetzt sitzt sie hier. Hinter der Mutter versteckt. Ein versuchter Rückzug in die Unsichtbarkeit.
Vom dem Kind kommt kein Wort. Es wird mit dem Elterngespräch versucht, die Brücke zu bauen. Manchmal wollen wir Türen mit Gewalt aufdrücken. Wir wollen Ergebnisse, Lösungen, Fortschritte. Wir wollen, dass das Kind „wieder funktioniert“. Doch Druck erzeugt nur Gegendruck. Das ist, was den Eltern deutlich wird. Dem Kind signalisiert es, dass es mit seiner Sprachlosigkeit sein darf und nicht wieder blöde Fragen beantworten. Damit lassen wir die Türen offen, ohne hindurch zu zerren. Wir geben dem Schweigen ein Recht. Wir erlauben der Distanz, da zu sein.
Gleichzeitig setzen wir ein Zeichen für Vertrauen und geben Halt. Indem zuerst an der Mutter gearbeitet wird. Wir wählen Bachblüten. Leise Essenzen für laute, unausgesprochene Ängste. Die Mutter und der Vater sind da als eine Einheit. Sie sitzen neben dem Mädchen, um zu halten. Auch um zu zeigen, dass nicht sie das Problem ist. Wir sind gemeinsam auf der Suche nach einer Lösung. Das Mädchen darf zum Abschluss selbst Bachblüten wählen. Du Kommunikation ist auf Nicken oder Kopfschütteln reduziert. Die Themen machen sichtbar, was hinter dieser Schweigemauer steckt. Die Bachblütenmischung soll ein kleiner Beitrag sein, um daheim weiter In ihrem Tempo die Blockade zu lösen.
Beim nächsten Mal:
Der Vater berichtet von der Heimreise gemeinsam mit seiner Tochter nach dem ersten Kontakt. Sie stellt Fragen und Vieles blieb für sie unerklärlich. Die dringendste Frage war: „Wie macht sie das?“ Ohne, dass ich sie mit den Händen angegriffen habe, hat etwas in der ersten Sitzung ihr Innerstes berührt.
Ein kurzer Moment, wo wir Blickkontakt halten, ist mein Signal. Ein kurzes Aufblitzen von Vertrauen. Heute darf ich sie berühren. Eine flüchtige Berührung zwischen den Schulterblättern macht deutlich, welches Thema sie beinahe erdrückt. Während wir nach den passenden Farben suchen, die ihr Kraft und Vertrauen geben sollen, fließt Druck von ihr ab. Dieses flüchtige Etwas, das sie verwandelt, bekommt viel Raum. Die Eltern sitzen staunend daneben. Die Starre des Mädchens weicht einer sanften Bewegung. Ein Nicken wird deutlich. Ab nun ist es ein gemeinsames Suchen nach dem, was gut tut.
Am Ende geht es um viel mehr als nur um Bachblüten oder Farbkarten. Es geht um das, was entsteht, wenn wir den Leistungsdruck weglassen. Wenn wir uns erinnern, dass wir verbunden sind, über die Angst und die Hilflosigkeit hinweg. Schuld ist jetzt egal und Diagnosen haben im Moment keinen Platz, damit Erwartungen oder Vorstellungen verschwinden.
Nur der Moment zählt. Damit das Vertrauen, ganz langsam Wurzeln schlagen kann, wenn wir ihm den Raum geben, den es braucht. Ohne Abkürzung und ohne Rammbock. Ich bin mir bewusst, dass das Wachstum in der Stille beginnt, die plötzlich Sicherheit gibt.
Wir haben zugelassen, dass sie genau so versteckt und abgewandt sein darf. Wir haben ihr Raum und Zeit geschenkt. Zeit, die in unserer Gesellschaft oft so knapp bemessen ist. Die Eltern waren nicht nur Beobachter, die auf ein „Reparatur-Ergebnis“ warten, sondern ein Teil des Ganzen. Sie haben es „ausgehalten“, dass die Lösung nicht sofort sichtbar war. Es war kein „üblicher“ Ablauf einer Sitzung. Es gab kein Protokoll, das wir abgearbeitet haben. Aber es gab eine Verbindung. Es ist so wichtig zu vermitteln: „Du hast keine Schuld.“
Es geht darum, dass das gesamte System, die Familie und das Umfeld, gemeinsam nach einer neuen Lösung sucht. Wenn Eltern ihre eigene Hilflosigkeit eingestehen und sich gemeinsam mit dem Kind auf den Weg machen, nimmt das eine riesige Last von den schmalen Schultern des Mädchens. Wir sind noch nicht am Ziel. Der Berg namens Schule ist vielleicht noch immer hoch. Aber das Fundament, auf dem wir stehen, wird von Mal zu Mal stabiler. Weil wir nicht ziehen und zerren, sondern warten, bis die Kraft von innen kommt. Denn nur was aus eigenem Vertrauen wächst, hat die Kraft, am Ende wirklich zu blühen.
Meine Arbeit hat mich gelehrt, dass die wirklich wichtigen Türen, die zum Herzen eines Menschen führen, sich nicht aufbrechen lassen. Man muss warten, bis sie von innen einen Spalt weit geöffnet werden. Meine Vision, die Welt um mich ein bissl besser zu machen, bekommt damit eine neue Dimension. Kindern das Gefühl „gesehen zu werden“ zu schenken, ist ein wesentlicher Beitrag, um sie in ihrer Entwicklung zu fördern. Sie sind die Zukunft und haben es einfach verdient.
Vielleicht hat dich dieser Beitrag berührt. Manchmal geht uns etwas unter die Haut. Das ist gut so. Damit können wir Barrieren abbauen. Wenn du magst, erzählst du einer Mutter oder einem Vater davon, die gerade in eine ähnliche Situation stecken. Ich bin da, um Türen für einen Spalt zu öffnen.
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