Loslassen, aber wie
Loslassen ist nicht immer so leicht, wie man denkt
Besonders im Fall von Demenz. In einem Alltag, wo es keine Routinen mehr gibt, da man sich bereits nach Minuten gar nicht mehr daran erinnern kann, was man gerade getan oder gegessen hat. Wo die eigene innere Welt der Person geprägt ist von der Kommunikation mit Familienangehörigen, die schon lange nicht mehr leben. Dafür diejenigen, die dich betreuen und pflegen, Unbekannte darstellen. Denn in diesem Fall wurde schon viel losgelassen. Vor allem die eigene Identität. Wie kann es hier gelingen, das Leben loszulassen?
Nur manchmal gab es diesen einen Moment.
Den Moment, in dem die Stimme erkannt wird. In dem eine Berührung, ein leises „Ich hab dich lieb“ noch in jenen inneren Raum vordringt, der sich erinnert. Egal, wie wenig oder wie viel an Erinnerungsvermögen und körperlichen Fähigkeiten noch vorhanden ist, die Ohren bleiben oft das letzte Tor zur Welt. Gesprochenes findet seinen Weg in die Tiefe. Darüber sollte sich jede treue Begleitperson bewusst sein.
Manchmal stießen Worte auf Resonanz. Ein Satz, ein Tonfall, ein vertrauter Klang zaubert ein Lächeln auf das Gesicht eines dementen Menschen. Und manchmal verhallten Worte scheinbar wirkungslos, berührten nichts Sichtbares, verschwanden hinter geschlossenen Augen. Immer lag sie im Bett. Nur selten saß sie noch, um gefüttert zu werden. Die Welt ist klein geworden, reduziert auf Augenblicke, auf Empfindungen, auf das Dasein im Jetzt.
Ist das der Zeitpunkt, an dem man sich die Frage stellt, ob das Leben noch lebenswert ist?
Ich getraue es mir nicht zu beurteilen. Nicht aus heutiger Sicht. Ein Sprichwort sagt, man solle über niemanden urteilen, in dessen Schuhen man nicht gegangen ist. Und gerade bei Demenz wird diese Vorstellung besonders schwierig. Vielleicht kann man sich dieser Frage höchstens über Umwege nähern. Zum Beispiel über die Qualität der Betreuung, über Würde, über Zuwendung und Versorgung.
Im Fall meiner Tante, die die bestmögliche Betreuung erfahren hatte, zeigte sich erst kurz vor dem Ende eine tiefe Verzweiflung in ihrem Gesicht. Die endlos langen Gespräche mit ihren längst verstorbenen Eltern waren zu diesem Zeitpunkt verstummt. Immer öfter verlagerte sich auch unser Gespräch, das oft nur mehr nonverbal stattfand. Weg von Erinnerungen, hin zum Loslassen. Ich wollte ihr helfen, sich von alten Geschichten, von vergangenem Schmerz zu lösen. Und dann geschah etwas Unerwartetes. Ein klarer Blick. Präsenz. Ein Moment von Verbundenheit. Sogar ein leises „Danke“ huschte über ihre Lippen. An diesem Tag wünschte ich mir nichts sehnlicher, als dass sie spüren konnte, wie sehr ich jede Entscheidung, die sie trifft, respektiere. Ich gab ihr zu verstehen, dass ich sie unterstütze und begleite, egal wohin der Weg führt.
Nachdem ihr Rückzug immer offensichtlicher wurde und alle Betreuungspersonen sich nur mehr darauf fokussierten, dass das Leben nicht mehr unter allen Umständen aufrechterhalten werden sollte, konnte meine Tante in Begleitung einschlafen. Nachdem ich selbst krank war, konnte ich nicht vor Ort sein. Was mir wirklich leid tat. Jedoch weiß ich auch, dass sich der/die Sterbende das Umfeld und die An- bzw. Abwesenheit von Angehörigen so gut es geht noch aussucht.
Was ich aus den letzten Monaten an der Seite meiner Tante gelernt habe?
Loslassen betrifft nicht nur Materielles, sondern auch Glaubenssätze. Vorstellungen vom Leben und seinem Ende dürfen auch kurzfristig über Bord geworfen werden, um einen würdevollen Abgang zu ermöglichen. Vor allem das Klären von Situationen oder Uneinigkeit würde ich als wichtigen ersten Schritt im Trauer- und Loslass- Prozess erachten. Damit ist der Weg frei für Entscheidungen, die stimmig sind. Die Angst vor dem Tod können wir meist nicht nehmen, aber vielleicht in eine Art Respekt davor verwandeln. Indem wir wertfrei und ohne Erwartungshaltung, der sterbenden Person Raum geben, erteilen wir die Erlaubnis, dass jedes Loslassen möglich ist.